Wenn aus Geschichten Geschichte wird …

Es hieß immer, dass die Bevölkerung von Büttgen während der Zeit des Zweiten Weltkriegs fast ausnahmslos katholisch war. Jüdische Mitbürger soll es nicht gegeben haben.

Vor zwei Jahren erfuhr dann Nadine Graber, Lehrerin an der Städt. Gesamtschule Kaarst-Büttgen, in einem Gespräch von einem jüdischen Arzt, der in Büttgen gelebt haben soll: Dr. Winfried Selbiger. Dies nahm sie zum Anlass, gemeinsam mit Religionslehrer Carl-Wilhelm Bienefeld eine Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Geschichte in Deutschland“ zu gründen. Die damalige Zeit wird den Schülerinnen und Schülern durch diese Arbeitsgemeinschaft begreifbar gemacht und erhält ein Gesicht.

Nach ersten Rechercheversuchen merkte die Gruppe schnell, dass sie sich Experten mit ins Boot holen sollten. So wurden der Archivar der Stadt Kaarst, Sven Woelke, und der Historiker, Reinhold Mohr, auf das Thema angesprochen. Die Recherchen ließen das Leben des Arztes lebendig werden: Verfolgt, vertrieben, ausgewandert, zurückgekehrt und gescheitert – so lässt sich das Schicksal des jüdischen Arztes Dr. Winfried Selbiger beschreiben.

Unterstützung findet dieses Projekt auch durch die St. Sebastianus Schützenbruderschaft Büttgen 1415 e. V., die durch den Arbeitskreis „Heimatkunde“ seit vielen Jahren an der Erkenntnisgewinnung und der Einordnung historischer Ereignisse arbeitet. 

Dr. Winfried Selbiger ließ sich 1932 in Büttgen als Hausarzt nieder. Fast zeitgleich mit der Gründung seiner Praxis wurde er Mitglied des Allgemeinen Ausschusses des Vereins St. Aldegundis-Stift Büttgen, der seit 1906 ein Schwesternheim zur häuslichen Krankenpflege und seit 1925 ein Krankenhaus in Büttgen an der Driescher Straße betrieb. Ende Oktober 1933 wurde er von den Nationalsozialisten in Schutzhaft genommen und erhielt ein Berufsverbot. Bei seiner Entlassung aus der Haft erhielt er die Auflage, weder seine Praxis noch seine Wohnung zu betreten und so entschloss er sich, auszuwandern und seine persönliche Freiheit zu retten. 

Er floh nach Tansania. 1954 kam er nach Deutschland zurück und es schlossen sich verschiedene berufliche Stationen an. Ende 1961 bzw. Anfang 1962 verstarb er, ohne dass seine Todesumstände genau geklärt werden konnten. Reinhold Mohr hat die Lebensgeschichte von Dr. Winfried Selbiger niedergeschrieben. Diese wird in naher Zukunft in Buchform veröffentlicht werden. 

Am Rathausplatz in Büttgen, an der Stelle, an der Dr. Selbiger praktiziert hat, wird am 20.10.2022 um 8.45 Uhr ein Stolperstein für ihn verlegt. Dies ist der erste Stolperstein im Kaarster Stadtgebiet. Der Stolperstein soll an ein persönliches Schicksal eines Mitbürgers in Büttgen und an die Judenverfolgung während des Nationalsozialismus erinnern. 

Es ist wichtig, durch diesen Stolperstein ein sichtbares Zeichen der Erinnerung zu setzen. Geschichte wird hierdurch erlebbar und begreifbar.

© Dr. Ulrike Nienhaus

Gestaltung: Stadt Kaarst; Portraitfoto von Dr. Winfried Selbiger: privat (Familienbesitz)

© Carl-Wilhelm Bienefeld, Frank Wagner 2022